3 Wochen Reha, fast 4 Wochen Bodensee - vorbei! Die Zeit vergeht definitiv zu schnell. Keine Minute war langweilig, auch allein auf dem Zimmer nicht. Ich musste aber nicht allein sein. Wenn ich gewollt hätte, wäre immer jemand zur Unterhaltung bereit gestanden oder gesessen. Was war das Beste? Natürlich die schönen Tage mit Nicole. Auch extrem wichtig für Körper und Geist. Die täglichen Sporteinheiten in der Klinik bringen einen so richtig in Schwung und haben nochmal zu einer Gewichtsreduktion geführt. Noch 1,5 Kilo, dann habe ich mein Endziel 85 Kilo erreicht. Kann mich nicht daran erinnern, wann ich dieses Gewicht das letzte Mal auf die Waage gebracht habe. Mit 25 vielleicht! 13,4 Kilo Fettverlust sind es bis jetzt. 13 Flaschen Wein sozusagen. Als hätte man einen anderen Körper erhalten. Lieferzeit 10 Wochen. Die Gefahr des Rückfalls in alte Muster besteht weiterhin, da brauche ich mir gar nichts vormachen. Der Jojo-Effekt wird nur dann ausbleiben, wenn die Änderung der Lebensführung in den Alltag übergeht - und das für immer. Klingt hart, aber wenn man es als „das Gute“ für sich ansieht, doch nicht ganz so schlimm. Ich freue mich, weiterhin mein eigenes Menschenexperiment zu sein.
Norbert! Ich hatte nochmal Gelegenheit mit Norbert ausführlich zu sprechen. Er braucht für einen 3-Minuten-Weg 30 Minuten. Er läuft zwar ohne Rollator und das eben ganz schlecht! Bei einem Überholvorgang hat man immer ein schlechtes Gewissen. An meinen ersten Tagen habe ich ihn in meinem jugendlichen Leichtsinn beim Überholen freundlich gegrüßt. Er hat sich so erschreckt, dass er fast umgefallen wäre. Das wurde aber von Tag zu Tag immer besser. Gestern hatte ich zum Abschied nun die Gelegenheit, mich mit ihm länger zu unterhalten. Norbert ist zum 12. Mal in der Schmieder. Meistens 5 Wochen. Vor 14 Jahren lief er nach der Arbeit über eine rote Ampel. Er wollte etwas für die Gesundheit tun und noch ins Fitnessstudio. Ein PKW erfasste ihn. 10 Tage Koma. Beine, Hüfte, Nervenstränge im Nacken, alles kaputt. Die wunderbare Kunst der Medizin hat ihn Stück für Stück wieder zusammengesetzt. Aber eben nicht zu 100 Prozent erfolgreich. Sein Sprachzentrum hat auch gelitten, obwohl ich nicht weiß, ob dies an seinem markanten schwäbischen Akzent liegt oder an einer neurologischen Störung. (Hmm…ist das nicht vielleicht dasselbe?). Norbert ist ein großgewachsener 63-jähriger Kerl, kräftige Unterarme, schöne Haut. Sein modisches Hemd rundete die gutaussehende Erscheinung ab. Er läuft eben nur wie ein Aufziehmännchen, dass man nicht ausreichend genug aufgezogen hat und nach wenigen Schritten wieder stehen bleibt. Dabei schwankt der ganze Oberkörper bedenklich. Ein schlecht programmierter Roboter mit Kurzschluss. Norbert ist freundlich zu allen, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, wirkt nie schlecht gelaunt oder hadernd. Egal wie das Wetter ist, er machte seine Meter. „Mir geht es gut, das Leben ist schön. Es ist eben Schicksal, dass es mich an dem Tag erwischt hat. Aber nichts hat aufgehört, sondern erst angefangen.“ Ich habe ihn gefragt, ob der Unfall ihn nicht auch mental aus der Bahn geworfen hat. „Vor dem Unfall hatte ich mit Depressionen zu kämpfen, danach nicht mehr.“ Man traut da seinen Ohren nicht. Wie kann das sein? Eine zusätzliche (positive) Störung durch den Unfall ausgelöst? Nein! „Es war wie eine Last, die von meinen Schultern genommen wurde. Ich musste nichts mehr beweisen, nichts mehr leisten. Ich bin so wie ich eben bin. Ein ziemlich lahmer Krüppel, der das Leben liebt. Und ich hatte auch Glück, ich lebe; ich brauche keinen Rollstuhl und das allerwichtigste, meine Familie liebt mich immer noch.“ Norbert hat 6 Kinder und 8 Enkel. Einfach bewundernswert. Tschüss Norbert! Die Reha hat sich schon gelohnt, weil ich dich und die anderen, die sich von ihren Schicksalsschlägen nicht das schöne Leben vermiesen lassen, kennenlernen durfte.
