Lesen stärkt die Seele - Voltaire

Frauen lesen mehr als Männer. 38 zu 22 Prozent ist das Verhältnis. Die tägliche Lesezeit ist rückläufig. Männer lesen mehr Zeitungen, Magazine, Sachbücher. Romane weniger. Ich wünsche mir immer, mich mit einem Mann über aktuelle Literatur auszutauschen. Die Sicht der Männer auf diverse Dinge ist einfach anders. Jungs, die Kenntnis von der Sendung „Druckfrisch“ haben und die dort behandelnde Bestsellerliste kennen, leider Fehlanzeige. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, wer Romane liest, steigert seine Empathie. Ich kann mir nicht vorstellen, das Trump liest. Comics vielleicht. Viele Bilder, kaum Text! Sind vielleicht Männer so gewalttätig, weil sie keine Romane lesen? 

Ich habe es genossen bei jeder Gelegenheit hier in der Reha Geschriebenes und Erzähltes aufzusaugen. Die tägliche Lesezeit  eines Mannes (24 Minuten) habe ich weit übertroffen. Im Prinzip ist das meine ideale Vorstellung von Leben: Essen, Sport, Kultur, Lesen, Gespräch. Unglaublich, dass die 3 Wochen Aufenthalt nun fast wieder vorbei sind. 3 Wochen, 7 Bücher! Rekordverdächtiger Schnitt dieses Jahr! 

Ich möchte nicht verlängern, aber lesen! 

Man kann auch in die Höhe fallen von Meyerhoff. Wahnsinnig enttäuscht, weil es einen Schluss gefunden hat. Das schönste Leseerlebnis überhaupt. 

Wer hat das letzte Mal ein Buch in den Händen gehabt, bei dem er wiederholt laut auflachen hat müssen? Man steht am Ausgang der Bahn bei seinem Rad und kichert ständig vor sich hin. Mitreisende lachen entweder mit oder klotzen irritiert. Das sind dann wohl eher die Humorlosen. Eine unfassbar unterhaltsame Lektüre. Die alles hat: das pure Drama und eben den so „überlebenswichtigen“ Humor. Ich liebe Meyerhoff, der nicht nur ein grandioser Theaterschauspieler ist, sondern auch ein begnadeter Romancier. Legasthenie ist kein Grund nicht Großes leisten zu können. Ja, man kann in die Höhe fallen, jeden Tag! Alles Einstellungssache. Ein Buch für Kinder und Eltern gleichermaßen. 

Das nächste:

Das glückliche Geheimnis von Arno Geiger. Einer der renommiertesten Autoren der Deutschen Gegenwartsliteratur. Das Buch „Der alte König in seinem Exil“, mit dem er bekannt wurde, könnte man kennen. Eindrücklich schildert er dort die letzten Monate mit seinem dementen Vater. Das glückliche Geheimnis ist anders, aber es geht trotzdem um Existenzielles: nämlich um Müll! Geiger radelt Jahre lang durch Wien auf der Suche nach Hausmüll. Alte Familiendokumente- und briefe, die ausgemistet wurden, sammelt er leidenschaftlich und analysiert sie. Das zentriert ihn. Wenn es ihm nicht gut geht, radelt er. Er sagt: Die wahre(n) Geschichte(n) stecken in diesen Seiten des alltäglichen Lebens. Ich müsste ihm empfehlen, bei mir auszumisten. Briefe von meinem Vater und meinen Geschwistern geben bestimmt auch so einige Geschichten her. Er beschreibt sein Leben vom unbekannten Schreiberling zum gefragten Autoren. Ich finde das sehr spannend! Sein Spiel mit Sprache ist ein Genuss! 

Ein weiterer Text hat mich wieder in das Kranksein hineinkatapultiert. Ein schmerzliches Gefühl. Aber es stellte sich sich hier wie bei den „Anspruchslosen“ eine gewisse Verbundenheit ein. Diesmal imaginär. Der Autor David Wagner schildert sein junges Leben als Transplantationspatient. Eine schwere Erkrankung macht eine Lebertransplantation  erforderlich. Auch hier erschrecken und faszinieren mich zugleich die Gedanken über den Tod, über das Sterben. Von den gelesenen Büchern beschäftigte es mich im Nachgang am meisten. Und bestätigt wieder: Leben reicht! 

Zwischendurch musste mal etwas Profanes sein. Dachte ich. „Butchers Crossing“ von John Williams. Auch hier kam der Impuls von einer berühmteren Veröffentlichung des Autors, post mortem: Stoner. Oh Williams hat ein Abenteuerroman geschrieben, tatsächlich? Ich mag Abenteuergeschichten. Leider sind gute sehr rar. Büffel, Jäger, Lagerfeuer, Konflikte, wilde Natur, der Kampf ums Überleben. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein so einsamer Büffeljäger, dem das harte Leben nichts anhaben kann. Gut, Büffel tot schießen, das muss jetzt nicht unbedingt sein! 

Immer wieder schaue ich in die Spiegel-Bestsellerliste. Wenn andere ein Buch als gut empfunden haben, dann kann man doch mal sehen, ob es einem auch gefällt. Manchmal landet man ein Glückstreffer. Leider nicht immer! “Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ ist gerade recht weit oben auf der Liste.  Auch wieder Demenz das Thema. Da diese schreckliche Erkrankung in unserer Gesellschaft immer mehr um sich greift, gibt es eben auch viel darüber zu lesen. Das Leben mit Krankheiten mein Ding. Nicht mehr Anna und Nicole zu erkennen der absolute Horror als Vorstellung! Es wird aus der Sicht des Kranken erzählt. Ein starrköpfiger alter Mann, erlebt sein Abgesang und die teilweise überforderten Reaktionen seines Umfelds darauf, ganz besonders seines Sohnes. Der kranke Vater analysiert - sich und die Menschen, scharfsinnig und mit viel Weisheit. Gespräche führt er mit seiner toten Frau und seinem besten Freund. Sein Herz gehört aber einem Hund: Sixt. Ohne ihn würde er nicht mehr leben wollen. BO, so heißt der kreise Mann, fällt es zusehends schwerer, sich um den lieben Vierbeiner zu kümmern. Man muss ihm den Hund leider wegnehmen. So eine Konstellation zieht mich immer in den Bann. Einfache Alltagsgeschichten mit Herz und Verstand! 

Wenn ich gerade Sachbücher lese bzw. höre, dann gehen die meistens um Gesundheit und Ernährung. Alle meine erworbenen Erkenntnisse sind wissenschaftlich belegt. Man kann sie in die Welt posaunen, es wird sich gesellschaftlich nicht viel ändern. Wie bereits erwähnt, der Mensch ist unschlagbar als Ignorant. Er lässt sich nicht aufhalten, vor allem nicht bei Dingen, die er ganz individuell als Genuss und Lebensinhalt bewertet. Der Ernährungsdoc Matthias Riedl legt anschaulich in „Die Longvity Food-Formel“ dar, dass es eine Vielzahl von Lebensmitteln gibt, die gut für uns Menschen sind. Täglicher Konsum gerne gewünscht! Nicht nur gut, sondern sogar dafür sorgen sollen, dass wir gesund altern. Industriell hochverarbeitete Produkte mit einer unendlichen Zutatenliste verkürzen dagegen eher unser Erdendasein! 

Und am Ende noch ein zu empfehlendes Wissensbuch. „organisch“ von Giulia UND Jill Enders. Ich betone das UND, weil Julia Enders es betont. Berühmtheit hat sie - Giulia - durch Darm mit Charme erzielt, ein Mega-Seller. Ihre Schwester wird von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, obwohl ohne sie es dieses einzigartige „Kack“-Buch gar nicht gegeben hätte. Millionen Leser haben nach der Lektüre ihren Stuhl in eine Kategorie eingestuft. Meiner ist aktuell ein Typ 3-Prachtexemplar. Herrlich so viel Wissen über den Körper einzuverleiben. Witzig und anschaulich. Der Darm beeinflusst das Gehirn maßgeblich! Bin ich froh, dass ich nicht unter Verstopfung leide. Kleine Alltagsgewohnheiten verändern den Körper messbar. 

Dinge wie Schlaf, Bewegung, Ernährung oder Stress wirken direkt auf Hormone, Immunsystem und Darmflora – oft stärker, als Menschen erwarten. Jede schlechte Gewohnheit kann man in eine gute verwandeln. Und das jederzeit! 

Nicht nur meinen Körper konnte ich in den letzten Wochen tunen. Auch meine Seele wurde hier mit der schönsten Gewohnheit der Welt regelmäßig gepflegt. Lesen! Voltaire, ich stimme zu 100 Prozent zu!