Die Anspruchslosen

Die Behindi-WG is komplett. Es ist phänomenal, wie wildfremde Menschen innerhalb von drei Wochen zu einer verschworenen Gemeinschaft werden können. Es ist wohl das gemeinsame Boot und das Ziel, ans rettende Ufer zu gelangen dafür verantwortlich. In den Augen spiegelt sich bei allen: Hey, ich habe die gleiche Angst wie du oder ich habe sie zumindest gehabt. Die Angst davor: „Das war’s jetzt!“.  Viermal hatte ich dieses Gefühl der Verbundenheit mit Menschen, die ich überhaupt nicht kenne, schon erleben dürfen. Reha auf der Insel Föhr, Reha am Chiemsee und jetzt 2 Mal hier am Bodensee! Es war stets wunderbar! Allein durch die anwesenden Menschen! Man kann durchaus sagen, es ist immer wie eine ziemlich wild zusammengewürfelte Selbsthilfegruppe. 

Da ist mein lieber Daniel. Immer am Lachen und ein Extremschwäbler. Jeder, der ihm zuhört, kommt einfach gut drauf.  Mit ihm lästere ich nach Herzenslust über die durchgeknallte AfD. Wir ergänzen uns diesbezüglich perfekt. Daniel ist Verwaltungsbeamter bei der Stadt und hat seit Geburt Fehlstellungen. Der linke Arm und der rechte Fuß sind extrem abgeknickt. Er schmiert seine Brote nur mit rechts und das ziemlich elegant. Manch anderer ist da schon mit beiden Händen überfordert. Kurioserweise ist er einer der Schnellsten beim Walken. Er lässt es nicht zu, dass ihn sein Handicap einschränkt. 

Tobias. Produktdesigner aus Überlingen. Segelbootbesitzer und Nintendo-Switch-Fan! Unfassbarer trockener Humor. Jemand, der dich ohne mit der Wimper zu zucken foppen kann. Und dich erst danach ganz breit angrinst. Er hat die gleiche Vorliebe wie ich, dass er in der Cafeteria lieber auf der gepolsterten Bank sitzt als auf einem Stuhl. Wir sind keine Warmduscher, aber Weichsitzer! 

Er lag eines morgens neben dem Bett, konnte seinen linken Fuß und linken Arm kaum bewegen und rief mit letzter Kraft eine Freundin telefonisch zur Hilfe. Er konnte kaum sprechen. Stammelte wirres zeug. Blutgerinsel . Ein kleines. Mittlerweile ist er wieder topfit und plant einen Segelturn in Griechenland. Wenn seine Freundin nicht so schnell reagiert hätte, würde er jetzt mit Petrus die Weltmeere unsicher machen. 

Marc. Überzeugter Betriebsleiter einer Müller-Filiale und Amazon-Hasser hat durch seine Adipositas starke Bewegungseinschränkungen. Lebt jetzt gesund, ist kein exzessiver Cocktailttrinker und Fleischesser mehr. Hat schon 30 Kilo abgenommen.  Marc zeichnet gern und das sehr gut. Es ist ein wenig skurril, wie ein dicker wackliger Mann, so fein den Pinsel schwingen  kann. Ich könnte ihm stundenlang beim Zeichnen zuschauen. Künstlerische Harmonie pur!

Dann die redselige Marion. Sie kennt ALLE! Gefühlt hat sie schon mit jedem Patienten ein Schwätzchen gehalten. Mit ihr philosophiere ich gerne über Ernährung! Ja, ja die Menschen fressen und saufen sich zu Tode! D‘accord, Marion! Marion hatte einen gutartigen Hirntumor. 8-Stunden OP. Ein kleines Stück ist immer noch drin. Machen die Ärzte  so. Marion ist nun auf dem linken Ohr taub, die Arme, und das Gleichgewicht spielt manchmal verrückt. Läuft auch hin und wieder gegen Schiebetüren! Strike! 

Steffen, der Jüngste und Größte von uns. Kommt immer zu spät zu den Anwendungen. Die Einheit beginnt stabdartmäßig mit dem Satz „Lasst uns noch auf Steffen warten“. 7.45 Uhr walken ist einfach zu früh für den armen Kerl. Im Bogenschießen ist er ein Naturtalent. Der wahre Robin Hood! Steffen ist meist etwas gequält nett. Unter dem dennoch sympathischen Lächeln versteckt sich, so erscheint es mir, eine große seelische Qual. Steffen ist in Fuerteventura wegen einer Halskette überfallen und massiv zusammengeschlagen worden. Lag ein halbes Jahr im Koma. Und hat nun wohl sein ganzes weiteres Leben mit den Folgen zu kämpfen. Im Februar letzten Jahres war das. Er sagt: Ich war so gut wie tot. Jetzt lebe ich wieder. Was will ich mehr! Man sitzt da, ist entsetzt, schüttelt innerlich den Kopf, schweigt. Und bewundert einfach nur! 

Unser letztes Crewmitglied: Gerhard. Ihn hätte ich gern als Freund. Ausgeglichen, besonnen, schlagfertig, witzig, einfühlsam und ein wenig verstrahlt. An wen erinnert mich das bloß! Man darf keine Schuhe auf der Gymnastikmatte anhaben. Bis jetzt gab es keine Anwendung, ohne dass er aufgefordert wurde doch bitte seine Schuhe auszuziehen. Er ist Jurist und arbeitet als rechtlicher Berater für Berufsschulen. Habe selbstverständlich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt , wie es um eine Planstelle für Anna steht. Netzwerken ist immer gut! Auch in einer Reha! 

Und zum Schluss natürlich meine Wenigkeit. Der Typ, der immer kurz davor steht, sich selbst zu massakrieren. Entweder mit Brotmeesern, Schiebetüren oder Stromkabeln. Mein Spitzname: der Gewürzemann. Ich bringe immer zum Essen meine eigene selbst kreierte Gewürzmischung mit. Pfeffer, Knoblauch, Chili, Kurkuma, Ingwer. Kein Salz! Ich bin mir absolut sicher, dadurch werde ich 120. Mindestens. Gewürze sind Medizin! 

Mittlerweile finden wir uns alle immer  in der gleichen Ecke der Cafeteria ein. Schieben die Tische zusammen und werden von den Servicekräften am Ende immer etwas genervt rausbugsiert. Gestern war doch tatsächlich UNSERE ECKE besetzt. Haaalooo! So haben wir die Idee entwickelt in der Arbeitstherapie ein Schild zu basteln. Aufschrift: Stammecke der Anspruchslosen! Leben genügt!