Spaziergang zum (Sonnen)Untergang

Abends an den See zu laufen oder zu radeln, ist fast ein Ritual geworden. Eine zusätzliche Anwendung sozusagen. Das sind dann nochmal ca. 5 km zum täglichen Fitnessprogramm. Die Belohnung, der sagenhafte Allensbacher Sonnenuntergang. Man kann sich unmöglich satt sehen. Sonnenuntergänge gucken, ist quasi auch eine Anwendung - für die Seele. Ein Schüler meinte mal zu mir auf die Frage, was tut euch richtig gut: „Herr Schnur, wenn ich am Meer auf einem Fels sitze und die Sonne am Horizont untergeht, dann gibt es für mich keine Sorgen mehr.“ Genau so ist es, Muhammed! 

Unterwegs ergaben sich zwei Begebenheiten, die man natürlich meistens einfach hinnimmt, abhakt. Kann man ja eh nicht ändern. Im Alltag ist das zumindest so. Die Hektik taucht uns in Watte. Hier gemütlich allein ist es aber anders. Man sieht viel, denkt darüber nach und ist berührt, betroffen oder wütend. Die Gefühlsregung passt sich der jeweiligen Situation an. 

Ich musste einen Abstecher in den Edeka machen. An der Kasse stand eine seltsam gekleidete ältere Frau.  Einen in die Jahre gekommener Niki-Hosenanzug tragend, goldene Ballerina mit kleinen leuchtenden Sternen quetschten ihre klobigen Füße. Um ihren Hals hing eine überdimensionierte Perlenkette. Ein blonder Dutt am Hinterkopf, der von einem Netz umschlossen war, wirkte wie ein im Fischernetz gefangener Wal. Ihre Ohren zierten EarPods. Das Gesicht der Dame war gebräunt und mit runzligen Falten übersät. Bei ein paar Hautstellen war womöglich die Sonnenbank aus Versehen zu lange auf Endstufe eingestellt. Alter?  Unmöglich zu schätzen. 60 oder 80? Die Frau kaufte nicht viel. Ich musste also nicht lange warten. Nur eine Palette Dosenbier. 5,0 Original! Schwarz!  0,69 Cent pro Brühe.  In den 60 Sekunden des Wartens ging mir Allerhand durch den Kopf: Alkoholikerin, russische Großfamilie, Bierverkäuferin auf einem Festival, Geburtstagsgeschenk, Biersauce in einer Kantine, Junggesellinnenabschied mit ihren Freundinnen, Bastelequipement. Alles nicht so meins.  Wozu benötigte sie bloß dieses viele flüssige Bäääh? Wahrscheinlich doch Nachschub für die Leber, die arme! Täglicher Konsum oder Monatsration? Ein 16-jähriger dürfte sich in Deutschland das Zellgift jetzt komplett in die Hohlbirne johlen.  Klar, geil günstig! Man muss, glaube ich, nur einen Tag an so einer Supermarktkasse stehen und beobachten, dann würde man mit Sicherheit feststellen, was alles so schief läuft in unserer Gesellschaft. 

Die Tigerlady trug dann freudig die 24 Dosen mit den bloßen Händen hinfort. Ich zahlte meine Wegzehrung. Furchtbares langweiliges H2O. 


Im Dorfkern angekommen ließ ich meinen Blick herumschweifen. Saugte alles interessiert auf. Neue Umgebungen sind immer spannend und Auslöser für weitere Vermutungen über die dort lebende Spezis. Mein Blick wanderte auch nach oben. Ein Wahlplakat hing 3 Meter über dem Boden an einer Laterne. Wer meine Texte liest, weiß, dass ich kein Freund der AfD bin, na ja ein AfD-Hasser trifft‘s wohl eher. Demokratisch gewählt hin oder her. Auch wenn man versucht das Nomen Normalität diesen verirrten Verwirrten zuzuschreiben, findet man doch immer ziemlich Abnormes in der DNA dieser traurigen Gestalten. Was sehe ich da? Ich der schon viel dummes Zeug gesehen hat. „Sie wollen eine Wohnung? Abschieben! Sie haben die Wahl!“ Das hängt da. Bewusst oben. Auf Augenhöhe wär’s ja noch unerträglicher. Welches Gefühl jagte durch mich durch. Unverständnis, Entsetzten, Wut, Mordlust? Alles zusammen? Unverständnis kämpfte sich an die Oberfläche. Ich verstehe nicht, dass es Menschen gibt, die ihr Kreuz bei dieser Partei machen. Natürlich kann ich es mir erklären, wie ich mir 33-45 erklären kann. Aber ich verstehe es nicht. Problem: fehlender günstiger Wohnraum - Lösung: Abschieben! Ehrlich, so einfach? Als ob es nicht viele andere Ursachen dafür gibt, dass Mieten zu hoch sind und zu wenig Wohnraum zur Verfügung steht. Menschen, die einem nicht passen, weg mit, dann wird schon alles gut! Die Wahlwerbung der AfD wird von Jahr zu Jahr immer dreister. Ich weiß, man muss mit ihnen im Gespräch bleiben. Ich bin immer noch unsicher, ob ein Parteiverbot nicht noch mehr Schaden anrichten würde. Aber ich möchte eigentlich mit diesen Leuten UND ihren Wählern nichts zu tun haben. Privat schon gar nicht. Ich möchte sie nicht in meiner Nähe wissen. Ich möchte keinen Spieleabend mit ihnen verbringen oder gemeinsam eine Wanderung absolvieren. Ich möchte nicht diskutieren und auch nicht zuhören. Respekt, dass Bundestagsabgeordnete, diese Auf-alles-Schimpfer tagein tagaus im Blickfeld sitzen haben. Ich würde ein Magengeschwür entwickeln und an den Untergang der Zivilisation glauben. Apropos Untergang. Da war doch noch was. Der Sonnenuntergang. So schön! Ja, keine Sorgen mehr. Kurz!