Laufen war einmal in meinem Leben fest verankert. Noch vor den ganzen Krankheiten. Erst ganz langsam, das Leichtlaufprogramm nach Dr. Strunz. Verbunden mit meiner ersten Ernährungsumstellung. Kein Fleisch, viel Gemüse! 2004 war das. Es hat funktioniert. Zwei Halbmarathons und 20 kg Gewichtsreduktion waren das Ergebnis. Der letzte große Run 2010. In Karlsruhe. Vielleicht war dieser Lauf etwas zu viel für mein Organismus, wer weiß. Womöglich hat er mein schwaches Immunsystem damals vollends verspult. 2011 bin ich dann erkrankt. Die Diagnose Hodgkin Lymphom hat alles verändert, mein Leben auf den Kopf gestellt. Plötzlich gab es ein Davor und ein Danach. Ein Therapie-Martyrium begann. Der komplette Verlust des Seins, das ICH gab es nicht mehr. Mein Körper reagierte nicht mehr auf seinen Herrn. Der Song von Peter Gabriel „My Body is a Cage“ lief zwischen meinen Ohren als Dauerschleife. Die Kommunikation war für 13 lange Monate unterbrochen. Als würde man in einem permanentem Funkloch existieren. Seit diesen Tagen weiß ich was ein Mensch ertragen kann, ohne dabei verrückt zu werden. Aber viel hätte nicht gefehlt. Was hat mich gerettet? Mein tolles Netzwerk, mein Beamtenstatus, meine Widerstandsfähigkeit und natürlich Anna. Durch sie war die Option Aufgeben aus meinem Wortschatz gestrichen. Zumindest vorerst. Kinder geben dann noch Sinn, auch wenn es scheint, dass alles den Bach runter geht. Fast genau 15 Jahre ist das jetzt her. In diesen 15 Jahren lagen noch ein Rezidiv (2021), ein heftiger Herpes Zoster am Kopf und Auge , der mich zu einem Monster mutieren ließ und mir mental ziemlich zusetzte (2023) und mehrere Bandscheibenvorfälle. Aber auch was sehr Schönes: die Heirat meiner zweiten Lebensretterin! Ohne sie wäre es durchaus möglich gewesen, dass ich dann doch die Segel endgültig eingeholt hätte. Aber die wilde Fahrt ging weiter - und wie. So viele unvergessliche Reisen konnten wir zusammen erleben. Nicole und ich sind das perfekte Team. In allen Belangen. Wie sagt man so schön: Es passt kein Blatt zwischen uns! 15 Jahre den Krebs, der leider immer noch in mir schlummert und mich nicht mehr verlassen wird, überlebt und das mit ganz viel Lebensfreude. Welch ein nicht in Worte zu fassendes Glück! Für eine Heilung, sowohl physisch als auch psychisch, sind liebe Menschen, die einen an die Hand nehmen und mit einem durch Dick und Dünn gehen, unabdingbar. Alleine ist man nur eine Ansammlung von Atomen, hilflos den Gesetzmäßigkeiten der Physik ausgesetzt. In der Weite des Universums verloren. Liebe versetzt tatsächlich Berge!
Jetzt? Wieder eine Wandlung. Gemeinsam. Zu den Laufis. Niemals hätte ich gedacht, dass ich die Joggingschuhe nochmal schnüren und sogar nach Zeit laufen werde. 5 km ohne Pause. Unvorstellbar! Ausschlaggebend war wiederholt eine Ernährungsumstellung und eine Gewichtsreduktion. Aber so richtig! Nach Dr. Greger und Dr. Fleck. 11,2 Kilo sind es seit dem 06. Januar bis dato. Diese kompromisslose Änderung der Lebensführung hat nur positive Effekte: Mehr Energie, bessere Konzentration, Beweglichkeit, Wohlgefühl, Glück! Alkohol und Zucker machen uns alle krank! Wissenschaftlich vielfältig dokumentiert. Nichts Neues! Der Mensch und die Ignoranz sind die bestem Kumpels! Ich möchte da eigentlich nicht mehr zurück. Ich weiß aber auch, wie schnell die Nadel wieder in die andere Richtung ausschlägt. Eine Prägung wird man nicht so leicht los. Gewohnte Verhaltensmuster schon gar nicht. Aber es macht einfach gerade zu großen Spaß! Ja, gesund zu leben bringt tatsächlich unendlich Freude, Leute! Den neuen Hightech-Joggingschuhen einen Namen zu geben und glücklich zu grinsen wie ein kleiner Junge der eine Märklin-Eisenbahn geschenkt bekommt, ist Lebensglück pur. Nun sind wir nicht nur „die Laufis“, sondern der Schnur hat auch noch neue „Laufis“ an den Füßen. Was war das für ein Gefühl hier in der Reha meinen zweiten 5-km-Lauf geschafft zu haben. Ganz alleine. Und das ohne Zwicken und Krachen. Einfach mal so. Im Kopf wurden kurzfristig 15 Jahre übersprungen. Man war plötzlich wieder der (Halb)Marathon-Man. Ich hätte fast die Bäume angeflennt, so ergriffen war ich vor meiner eigenen unglaublichen Tat. Selten hat man es, so fantastisch: Ganzkörpergänsehaut! Glücklich sein zu zweit ist relativ einfach, wenn man denn lieben kann und geliebt wird. Glück empfinden, ganz allein für sich eine permanente alltägliche Herausforderung. Wer liebt sich schon mit größter Intensität selbst? Wer sagt zu seinem Spiegelbild „Hallo, du krasser Typ, du? Vor allem wenn der Ranzen immer größer wird, die Knochen immer steifer und das Gehirn einem immer häufiger blöde Streiche spielt. Und nun: Liebe ich es, meiner täglichen Veränderung beizuwohnen, mich dabei zu beobachten, wie ich jeden Tag Fortschritte mache. Dinge, die man im Alltag so hinnimmt, wie beschwertes Treppensteigen oder mühsames Couchaufstehen sind wegrepariert. Kleine Erfolge. Aber auch große. Meine Fettleber habe ich los. Ca. 30 Prozent der Deutschen haben eine Fettleber. Sie hat mich die Jahre bei jeder Sonographie begleitet. Als Fan von Alkohol und Kohlehydraten ist das auch kein Wunder. Meine Blutwerte sind jetzt in der Norm. Die Harnsäure um einen ganzen Punkt gesunken. Ich bin voller Energie und nehme jetzt locker drei Treppen auf einmal.
Wir drücken die Verantwortung für uns selbst gerne ab. An Ärzte und ihre Tabletten. Legen uns fadenscheinige Begründungen für unser Verhalten zurecht, um uns einfach nicht als Versager zu fühlen. Wir sind aber keine Versager. Das Profit ausgerichtete Ernährungs- und Bequemlichkeitssystem um uns herum MACHT uns. Hier in der Reha sieht man so viele übergewichtige Menschen, die nichts an ihrem zerstörerischen Verhalten ändern. 6 Scheiben Wurst und Weißbrot auf den Teller packen, bleich in der Raucherecke eine nach der anderen wegqualmen, Limo statt Wasser oder Tee trinken und sich eine fette Torte nach jedem Mittagessen „gönnen“. Es stellt sich wirklich die Frage: Sind wir da noch Herr unserer Sinne? Ich finde, wir sollten doch wieder die MACHT an uns reißen. Jeder sagt, das Allerwichtigste ist Gesundheit. Aber Leben wir danach? Die Deutschen werden von Tag zu Tag fetter und haben im europäischen Vergleich eine geringere Lebenserwartung. Ganz zu schweigen davon, welche Krankheiten uns im Alter aktuell und zukünftig heimsuchen. Zivilisationskrankheiten, die nicht sein müssten. Altern muss nicht automatisch mit krank sein verbunden werden. Es ist auch nie zu spät, das Ruder wenigstens ein kleines Stückchen rumzureißen.
Und deswegen habe ich es sowas von genossen, mich fast eine Stunde im Konstanzer Laufladen beraten zu lassen. 4 Paar Schuhe habe ich intensiv ausprobieren dürfen. Draußen auf dem Vorplatz zwischen den Passanten habe ich meine Runden gedreht und kam mir dabei vor wie ein Olympionike bei der Stadionankunft. Als ich dem netten jungen Verkäufer voller Stolz erzählt habe, dass ich 15 Jahre nicht mehr gelaufen bin und ich jetzt zwei 5-km- Läufe absolviert habe, sagte er: „Wissen Sie, hier gibt es alles. Vor ein paar Wochen war eine 70-jährige Omi mit ihrem Enkel da. Der Enkel hat seine Großmutter motiviert, mit dem Laufen zu beginnen. Der Tod des Ehemanns nach 50 Jahren hat diese Frau emotional sehr zu schaffen gemacht, in eine existenzielle Krise gestürzt. Es war so herrlich diese beiden tollen Menschen zu beraten. Die Omi hat die ganze Zeit gekichert. Ihre Joggingschuhe hätten bunter nicht sein können. Enkel und Großmutter werden im Juli gemeinsam einen 10-km-Volkslauf absolvieren“. Diese Erzählung des Schuhverkäufers machte mich froh und passte so gut zu meinem derzeitigen Zustand, wie die geilen Treter zu meinen Füßen! Ich dachte für mich, wow, klasse, das sind jetzt auch „Laufis“.
