Statist in The Walking Dead

Es ist mir bewusst, dass dieser Vergleich nicht sehr schmeichelhaft ist, vielleicht sogar evtl. verwerflich. Aber ich komme mir tatsächlich hier hin und wieder vor, als wär ich zwischen Untoten unterwegs. Starrer Blick, keine Mimik und völlig instabile Körperbewegungen. Ich meine, ich bin ja hier in einer neurologischen Schwerpunktklinik, nicht wahr. Was erwarte ich auch! Die Nachwehen des Herpes Zoster unter anderem der Grund, warum ich auch im Club der Wackel-Dackel-Freunde sein darf.  Keine Gürtelrosen, aber dafür Schlaganfälle und Nervenschäden, wohin man wankt. Also das hat schon etwas Zombiemäßiges. Ich fühle mich manchmal recht unwohl, wenn ich als lebendiger Hüpfer einen Wanker überhole. Man ist geneigt, sich für seine überbordende Lebendigkeit zu entschuldigen - oder seine pflegerische Hilfe anzubieten. Häufig beschränkt sich die Kommunikation auf ein geringfügiges Nicken, weil der Instabile auch sprachlich massiv stolpert. Das aber auch  nur, wenn das Rückenmark noch nicht ganz Matsch ist. Das sind Schicksale, du meine Güte, dagegen ist meine Behindertenvita geradezu langweilig. Junge Mütter, die von ihren Kleinkindern im Rolli durch den Park geschoben werden.  Oder den Löffel Joghurt vom liebenden Ehemann gereicht bekommen. Verunglückte Ex-Porschefahrer, die zu spät zur Anwendung erscheinen, weil der Rollator nicht richtig zündet.  Krankheit ist ein recht schneller Gleichmacher, das wusste ich schon immer. Oder sie zeigen dir schonungslos die Unterschiede auf. Ich bin der Goldstandard eines Reha-Patienten. Null Aufwand mit mir, dafür reichlich Schotter in der Kasse! Warum tue ich mir das an? Vielleicht, weil ich wieder mal spüren will, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, trotz ständigem Hodgkin-Damocles-Schwert über meinem Haupte. Gegen den sich ständig verkleckernden Hängebacken-Tom mit der überdimensionalen Narbe auf seinem Scheitel (Frankensteins Monster lässt grüßen) und seinen H. R. Giger Tatoos auf den Unterarmen bin ich geradezu eine Kreuzung aus Brad Pitt und George Clooney. Es ist so wunderschön (fast) alles zu können, was man sich wünscht - und dabei auch noch unbändige Freude zu empfinden.  Ich kann wieder 5-km am Stück joggen. 5 km - unfassbar! Und könnte noch mehr. Nichts zwickt, Na ja, fast nichts. Die Leiste macht komische Bollergeräusche manchmal. Aber das bin ich ja schon gewohnt. Ich absolvierte den Lauf in einer Zeit, die sogar für den Wiedereinstieg ganz akzeptabel ist.  Das Laufvirus hat mich wieder erwischt. Wenn ich gejoggt bin, überkommt mich ein Gänsehautgefühl und ich frage mich: DAS hast du tatsächlich wieder geschafft! Alder, du bisch sowas von lebendich!