Seltsamerweise habe ich heute Nacht zuhause schlechter geschlafen als in der Klinik. Und das obwohl regelmäßig die Nachtschwester nach dem Rechten sah und überprüfte, ob wir noch am Leben waren. Aber erst nachdem sie die Luft anhaltend das Fenster aufgerissen hatte. Zwei kranke Männer über Stunden ohne Sauerstoffaustausch in einem Raum ist wohl mit das Unangenehmste, was man einer empfindsamen Nase zumuten kann. Gleich nach der bereits beschriebenen BASF-Klo-Nummer. Eine 10 auf der Duftskala bekommen vielleicht nur zwei tote Männer.
Der Tausch Nicole gegen Ossi entzückt mich natürlich zutiefst, dennoch könnte es auch sein, dass ich mich ein bisschen an Ossis Röcheln, Röhren. Husten und Pupsen gewöhnt habe, wie man sich an eine einlullende Hintergrundmusik eben so gewöhnt. Das eigene Gebollere und Geknalle ist dann auch nicht so peinlich und entspannt die Muskulatur extrem, die ja zur Genesung schließlich zur Ruhe kommen will und muss. Ist alleine schlafen tatsächlich besser für die Heilung? Eine interessante Frage. Für manche Menschen bestimmt. Der Charakter ist ausschlaggebend, denke ich. Das Kümmern, das Mitleid, das Interesse hat mich von meinem eigenen desolaten Zustand wohltuend abgelenkt. Und Oskar, der Grummler? Die Ansprache generell hat ihm glaube ich auch gut getan. Er taute (ein wenig) auf, hat mit kurzen Hauptsätzen gern über sein Leben erzählt und dabei hin und wieder wie einer kleiner Schulbub verschmitzt gelächelt. Ich habe gern dieser überschaubaren und unspektakulären Syntax gelauscht. Biographien sind mein Ding. Auch wenn ich nicht alles verstehe und zuordnen kann, macht es Freude mir den Rest einfach selbst zu „erdenken“. Persönliches, Emotionales find ich immer spannender als reine Information. Die Wirtschaftsseite lässt mich eher kalt, das Feuilleton oder Zeitgeschehen meistens nicht.
Vergleiche sind genauso unterhaltend. Wie reagiert er? Wie reagiere ich? Wie kommt es dazu, dass er seine Schmerzen mit einer 9,9 beziffert. Ich bei der 4 liege. Hat er noch nie körperliche Schmerzen erleiden müssen oder bekomme ich die besseren Tabletten? Ein Pienser scheint er mir aber auch nicht zu sein, oder doch? Beeinflusst die Einstellung zum Leben das individuelle Schmerzempfinden? Die Dauer und die damit verbundenen Einschränkungen spielen bestimmt auch eine Rolle bei der Einordnung des Schmerzes. Ich bin der Meinung, man braucht doch auch immer einen Puffer nach oben auf der Skala. Ich hatte schon eine 9: nächtliche medikamentöse Leukozytengeburt. Das Rückenmark schlug da spektakuläre Loopings.
Der Cubitus im Rachen nach der Chemotherapie. Die unfassbaren wochenlangen Schluckbeschwerden und das Verätzen der offenen Stelle mit einer schwarzen klebrigen Pampe, die schon längst vom Markt genommen worden war. 3 Sekunden dauerte dieser höllischer Schmerz, vor 11 Jahren, eine 9.9. Zwei Sekunden länger und ich wäre aus dem Fenster der Rehaklinik gesprungen.
Das Röntgen meiner Ellenbogenfraktur nach meinem Mountainbike-Unfall. 5 Sekunden, in denen ich fast in Ohnmacht fiel. Bekommt…eine 9,8. Die Radiologin nahm meinen Arm und bog ihn für die Aufnahme kurzerhand gerade. Wie kann man so einen Job machen.
Der Bandscheibenvorfall. Als ich dachte meine Körper kommt in den Häcksler. Kleine Schnur-Krümel, aus die Maus, Ave Maria, das Ende! Über Stunden. Eine 9,7. Wie gesagt: der Puffer!
Nein, ich bin aktuell bei einer 4. Die aber auch ziemlich nervt. Unvorteilhafte Körpergeräusche bringen einem zum Grübeln. Ein mörderischer körperlicher Schmerz hat auch etwas Gutes. Man will nur, dass er aufhört. Egal wie! Kein anderer Gedanke kommt da in die Quere. Oder denken die Brennenden darüber nach, warum sie gerade verbrennen?
Jetzt liege ich noch da in meinem warmen Kuschelbettchen neben meiner warmen Kuschelfrau und komme mit Oskars 9,9 nicht klar. Die Telefonate mit seiner Frau waren auf der Kommunikationsskala der Ehe ein 1,3 (hier wäre 10 der beste Wert). Gesse? (Hast du gegessen?) Woas moacht der Hun? (Das D verschluckte er immer!) Saubroat! (Er hasste das Klinikbrot) 13 Toblette? I woiß nix! (Wahrscheinlich auf die Frage „Für was alles?“) Moargen! (Ruft er wieder an!) Dann Tschüss! Ist die Einstufung auf der Schmerzskala womöglich in Abhängigkeit zum Wert auf der ehelichen Kommunikationsskala zu setzen? Mit der Einstellung zu sich, zu anderen und zu Gegebenheiten des Lebens? Soziologie, Psychologie interessiert mich viel mehr als Pädagogik und Didaktik. Ich würde nicht sagen, dass ich Ossi immer so hautnah beobachten wollen würde. Das sollten dann die Studenten tun und ich sitze im Videoraum.
Wenn diese Verschleimung und das schwierige Schnaufen bei mir ewig so bleiben würde, wäre Icke mein kleinstes psychisches Problem. Ob meine Erkältung vor der OP für die postoperative Wiederherstellung kontraproduktiv war?
Masken. Hier habe ich in der Thoraxklinik neue Erkenntnisse gewonnen. Ich musste die Tage doch relativ viel kommunizieren, auch wenn ich selbst kaum etwas sagen konnte. Vor der stationären Aufnahme hatte ich das mit Maskenträger nicht in dieser intensiven Form. Somit wurden die Augen das Zentrum der Kommunikation. Es gibt alle möglichen Augen. Ein hirnrissiger Satz ist das, ich weiß! Ich meine damit: lustige, traurige, gestresste, motivierende, stechende, souveräne, leere und lehrende, wahrhaftige und der Flunkerei eher nahe stehende. Mein ganz persönliches Augenstudium. Zwei Augenpaare sind mir ganz feste in Erinnerung geblieben. Das Paar, das Souveränität, Humor und Zuwendung ausdrückte, aber auch eine stechende Note besaß (der Professor). Und das Augenpaar von Schwester Maria auf der Intensivstation. Sie hatte für mich tatsächlich etwas Heiliges. Ihre Augen waren lustig-strahlend, motivierend-tröstend, hoffnungsvoll-beruhigend. Ich würde Schwester Maria in jeder Psychotherapiesitzung auf einen Stuhl setzen - mit Maske! Alle dunklen Gedanken würden sich in eine Blumenwiese verwandeln. Ich hätte so gern ein Foto von ihr. Ich würde es in mein Büro in der Schule aufhängen. Wie meine Augen auf Menschen wirken? Ich höre oft „streng“. Meistens von Schülern oder Kolleginnen ohne Selbstbewusstsein und Berufserfahrung. Ich möchte nicht, dass meine Augen so wirken, deswegen grinse ich oft so blöde. FFP2-Masken spiegeln die ganze Komplexität unseres Daseins: Sie schützen uns vor Ansteckung - nicht nur vor COVID-19. Zerstören aber jede wahrhaftige Kommunikation und das Miteinander. Diese Masken sind wunderbar und hässlich zugleich. Ich bin sehr froh, dass es die Mund-Nasen-Schutz-Masken gibt.
Konditionsskala. Von 1-3 alles dabei. 10 = Ironman. Ich würde sagen, sie ist vergleichbar mit der eines Siebenschläfers. Einfach kaum vorhanden. Wenn ich im EG bin und im 3. Stock etwas vergessen habe, überlege ich es mir dreimal hoch zu gehen. Heute Morgen habe ich nicht überlegt und war kurz davor, den Notarzt zu rufen, weil die Kurzatmigkeit sich nicht gleich normalisieren wollte. Was dann aber dann doch der Fall war. Ein gruseliges Gefühl, stakkatohaft nach Luft schnappen zu müssen. Erinnerte stark an die Nach-Chemo-Phase. Ich merke dann, wie der Körper rebelliert oder sich gegen einen Zusammenbruch mit allem auflehnt, was ihm noch zur Verfügung steht. Wie eine Fabrik, die bis zum Anschlag Ware produziert. Im Lauf des Tages wurde es besser: Ich konnte kleine Haushaltstätigkeiten und dringende Schreibtischarbeit verrichten. Aber eine E-Bike-Tour würde ich mir noch nicht zutrauen. Das wäre eine 4.

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