Brief an den König

 

Lieber König Krebs,

 

könntest du dich bitte mit meiner letzten Chemorunde ab Mittwoch zur Gänze aus meinen Regionen zurückziehen. Das wäre äußerst zuvorkommend von dir. Es wäre meiner Stimmung etwas abträglich, würdest du dich anders entscheiden. Ich habe noch einiges vor musst du wissen. Ich hatte zwar bereits sehr gute Jahre, aber ich will mehr. Da bin ich jetzt mal ganz egoistisch. Ich wünsche mir mehr Zeit mit Anna und Nicole, die ich beide sehr liebe. Sie wären bestimmt auch sehr sauer auf dich, lieber König Krebs, wenn du keinen Rückzieher machen würdest. Sie würden dir das für immer und ewig nachtragen. Willst du das? Ich weiß natürlich, dass deine Daseinsberechtigung darin besteht, den Menschen Tod  und Verderben zu bringen, aber bei mir könntest du dich doch ein wenig raushalten, oder? Wenigstens so für 10 bis 20 Jahre.  Ich werde mich auch nicht auf die faule Haut legen. Versprochen! Ich werde mich stets bemühen, Gutes in die Welt zu tragen. Im Gegensatz zu dir. 

Ich will nicht dein Feind sein. Das kostet mich viel zu viel Kraft und Nerven. Ich will es ja schließlich nicht noch mit weiteren deiner Verbündeten zu tun bekommen. Ich kann aber auch nicht dein Freund sein, das musst du verstehen. Ich kann mich mit einer todbringenden Krankheit nicht anfreunden. Wie würde das denn aussehen? Noch nicht! Ich freunde mich ja auch nicht mit Gauland und Höcke oder Hildmann und Jebsen, deinen Krebsgeschwürkumpels, an. 

Ich muss dir jetzt was sagen, was du wahrscheinlich gar nicht gerne hörst (oder doch?): Ich bin dir dankbar. Ja du liest richtig. Dankbar! Du hast mir die Augen geöffnet. Über mich, über andere, über den Beruf, über das Leben an sich. Ich weiß nun endlich, was meine Bestimmung ist. Was und wer mir wichtig ist. Einige Menschen sind mir gleichgültig geworden, weil ich ihnen gleichgültig bin. Shit happens! Es ist natürlich schmerzlich, dass ich dich für diese Erkenntnisse überhaupt nötig gehabt habe. Man könnte hier fast von einem schlechten Gewissen sprechen. Das schlechte Gewissen, dich diesmal noch mehr ausgenutzt zu haben als sonst. Bei deinem ersten Besuch habe ich leider noch nicht so sehr auf dich gehört. Die Freude am Überleben hat da zu sehr überwogen. Ich wollte es aller Welt zeigen, was ich drauf habe. Das muss ich nicht mehr. Ich brauche nicht mehr viel zu meinem Glück: meine Mädels, ein Stift, Papier, den Hospizdienst, die Pfälzer Natur - und hin und wieder ein Müller-Schorle.

Korrigiere mich bitte wenn ich falsch liege: Ich habe bei dir immer das Gefühl, dass du von einem vollständig Besitz ergreifen willst, wenn du mal eingezogen bist. Mit Verlaub, ist das nicht unanständig? Sollten wir uns nicht mehr Freiraum zugestehen? Was meinst du? 

Ich habe bald 6 Chemo-Zyklen hinter mich gebracht, um dich wieder einmal los zu werden. Eine echte Tortur. 18 Tage, in dem du mit schwerem Geschütz bombardiert wurdest. 18 Tage, in denen es mir richtig mies ging. Reicht das nicht an Krieg? Reicht das nicht an Buße? 

Die weiße Fahne bekommst du nicht. Kannst du dir abschminken. Das kann ich meiner Familie nicht antun. Die musst du dir schon selbst holen kommen. Ich kann dir aber versprechen, dass ich mich nicht so schnell kampflos ergeben werde. Die Alliierten stehen schon in den Startlöchern. Überlege es dir also gut, ob du dein Vernichtungskrieg fortführen willst. 

Die Reha in der Pfalz verläuft erstaunlich gut. Wahrlich ein wunderbarer Ort, an dem man wieder zu Kräften kommen kann. Wir trainieren hier für die letzte große Schlacht und hoffen, dass es kein Waterloo für uns wird, sondern natürlich für dich. Meine Frau sagt, ich bin langsam wieder der Alte. Du siehst also, ich bin gut vorbereitet, wenn ich dir am Mittwoch gegenüber stehen werde. 

Lieber Krebs,  tu bitte dir und mir einen Gefallen, lass es endlich gut sein! 

 

Es grüßt dich ein Untertan, der niemals aufgibt, sich deiner Herrschaft des Schreckens und der Angst zu widersetzen. 

 

Nieder mit der Tyrannei, nieder mit dem König der Krankheiten! 

 

 

 

 

Die beschd Reha gibt*s in der Palz!

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