Wenn man den Krebs überlebt und die Nebenwirkungen einem nicht ganz den Boden unter den Füßen wegzieht, macht die Krebserkrankung richtig Freude. Klingt irre, ist aber irgendwie so. Man kommt sich in einem Kreis von Nichtkebslern ziemlich elitär vor und kann so richtig die Sau rauslassen. Provozieren, schockieren, überfordern, zum Nachdenken anregen. Für Narzissten und Selbstdarsteller eine tolle Bühne. Und wenn man dann dazu noch verbeamtet ist, kann überhaupt nichts mehr schief gehen. Jeden Monat rauschen die Bezüge aufs Konto. Entgelt für den privaten Selbstfindungstrip. Das klingt böse, ist es auch. Na ja wie gesagt, das oben Geschilderte tritt nur zu Tage, wenn alles in Butter ist. Atemnot, Hirnsausen, Kopfschmerzen, Übelkeit, trockene Haut, Abhängigkeit, eine Vielzahl von Arztbesuchen können bei einem schon den Wunsch auslösen, dass man bald wieder in den Wahnsinn des Berufsalltags zurückkehrt. Hätte ich diesen Blog ohne die Krankheit geschrieben? Wohl kaum. Hätten mich Menschen auf eine vollkommen andere Art kennen gelernt? Wohl nicht. Hätte ich recht effektiv rausgefunden, wer mir nahe steht und wer nicht, wer ein Freund ist und wer nicht? Nie im Leben. Es gibt für unser Tun nicht eine treffendere Aussage wie, dass alles zwei Seiten hat: die berühmten zwei Seiten der Medaille. Man erhält die Olympiamedaille um den Hals gehängt, aber man muss bereit sein, vieles dafür aufzugeben, sich jeden Tag zu schinden. Gut sein im Job, Karriere machen, zieht unweigerlich ein mangelhaftes Privatleben nach sich. Der Tag hat leider nur 24 Stunden. Wie soll man da allen gerecht werden, frage ich mich.
Konsum und Verbrauch bringt oft Freude, zerstört aber unsere grandiose Erde. Wie wissen das jetzt, verändern wir etwas?
Ein Freund erzählt seine Trennungsgeschichte. Es ist seine Perspektive. Was ist mit der Perspektive der Partnerin? Sie wird ausgeblendet. Man möchte ja, dass der Freund in einem besseren Licht dasteht.
Krebs kann töten, führt die Menschen aber (meist) auch zu besonderen Erkenntnissen. Ich tue jetzt, wovon ich überzeugt bin, früher hab ich mehr oder weniger nur funktioniert und reagiert. Ich erlange wieder die Kontrolle über meine Zeit.
Es gibt oft nicht nur das eindeutige Schwarz und Weiß. Wir wünschen uns das gern und handeln danach. Der ist so uns die ist so, Politiker sind doch alle korrupt, die Medien sagen doch alle nicht die Wahrheit, Lügenpresse! Ein Flüchtling kann eben ein schlechter Mensch sein und im aufnehmenden Staat für massiven Ärger sorgen, aber eben auch seine Chancen nutzen. Und je nachdem wie die innere Einstellung ist, macht man aus der Minderheit plötzlich eine Mehrheit, pauschalisiert. Wir versäumen viel zu oft uns die andere Sichtweise anzuhören, die Medaille umzudrehen, weil wir vorgefertigte Meinungen bzw. Vorurteile haben - und zu wenig Kenntnis über die dazugehörige Statistik. Krebs und Flüchtlinge - vor beiden kann man Angst haben, muss man aber nicht. Es kommt immer darauf an, in welcher Ausprägung sie sich zeigen. Eine persönliche negative Erfahrung und es ist Schluss mit Lustig. Egal ob das Flüchtlinge sind oder eine Impfung. Kenne ich jemanden mit einem Impfschaden, dann sind alle Impfstoffe dieser Welt Teufelszeug. Wir meinen immer wir agieren bewusst, rational, aber im Prinzip sind viele von uns Sklaven ihres eigenen Geistes, ihrer Ängste. Wir sehen „Aktenzeichen XY….ungelöst“ und haben Furcht vor Einbrechern, auch wenn in der Straße in den letzten 20 Jahren nur einmal eingebrochen wurde. Wir werfen Lebensmittel, deren MHD abgelaufen ist, weg, weil wir glauben uns zu vergiften, wenn wir sie verzehren, essen aber verbranntes billiges Grillfleisch. Wir haben Angst vor der Chemotherapie, obwohl sie meist für eine verlängerte Lebenserwartung von mehreren Jahren sorgt. Leute, der westliche Mensch ist total gaga in der Birne - aber eben immer auch fähig, Unvorstellbares zu leisten, wenn er denn mal den Verstand benutzt.

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