Das abenteuerlichste Abenteuer meines Lebens

Im Juli 2012 war ich dann mal weg. Nach meiner „Heilung“ musste ich es mir beweisen, dass die alte Kraft wieder vollständig zurückgekehrt ist. Außerdem war es wohl auch eine Art Flucht vor einer missglückten Liebe. Sie war zu sehr mit sich beschäftigt und mit meiner Krankengeschichte überfordert. Einen Menschen „liebend machen“ ist immer zum Scheitern verurteilt. Nur wer zu wenig Selbstbewusstsein hat, bleibt da. Die anderen flüchten oder pilgern z. B. den Jakobsweg. Bei mir war es der Pfälzer Jakobsweg - die Nordroute. Von Speyer zum Kloster Hornbach. 180 Kilometer in 6 Tagen, alleine mit meinem anstrengenden Selbst! Bei Regen und brütender Hitze. Nie würde ich das wieder so angehen. So unvorbereitet und naiv. Ohne eine Unterkunft vorher gebucht zu haben. Ausgestattet mit schlechtem Kartenmaterial, das sich während eines Dauerregens fast gänzlich aufgelöst hat. Ich fragte mich jeden Tag, als ich in der Herberge, in der Pension oder im Hotel ankam: Wie in Teufels Namen hat das Hape Kerkeling bloß geschafft? Meine Füße waren nach der Tortur Matsch. Kein Wunder, wenn man fast 200 Kilometer in der Pfalz umherlatscht. Wenn man dann aber seine Ur-Ängste besiegt hat, gibt es einem ein Gefühl von Unsterblichkeit. Schnur, der schwäbisch-pfälzische Highlander. 


Ur-Ängste Nummer eins und zwei: Einsamkeit und Verlaufen. Auf dem Weg begegneten mir nur selten Menschen. 10 vielleicht. Mehrere Kilometer im Wald zu wandern, mit dem unguten Gefühl, sich völlig verfranzt zu haben, zerrt ganz schön an den Nerven. Ich glaube nicht an Übersinnliches: Die Wissenschaft steht über der Religion bei mir. Aber was ich im Zweibrücker Forst erlebt habe, kann ich bis heute nicht erklären und durchlöcherte mein damaliges Weltbild erheblich. Im Wald hatte ich mich nun tatsächlich hoffnungslos verirrt. An einer Weggabelung war ich der Verzweiflung nahe. Mehrmals lief ich im Regen in alle Himmelsrichtungen, um das Muschelzeichen endlich zu erspähen. Die Karte war durchnässt und fast unbrauchbar. Aus Hektik zerriss ich sie sogar in zwei Teile. Ich entschied mich, ein Stück zurückzulaufen. Da erschienen wie aus dem Nichts zwei ältere Herrschaften. Meine Retter. Wahrscheinlich wäre ich ohne sie irgendwo völlig aufgeweicht und entkräftet im Unterholz verendet. Die beiden Glücksbringer begleiteten mich fröhlich aus dem Wald hinaus. Während der Wanderung hatte ich mir angewöhnt bei interessanten Begegnungen nach den Namen zu fragen. Die Dame und der Herr hießen Willi und Marga. 

Die Namen meiner Eltern: Willi und Margarete. Einbildung? Zufall? Ich möchte ein klein wenig daran glauben, dass mich meine toten Eltern aus dieser misslichen Lage befreit haben.  Hat sich Wolfgang Schmids Energie-These hier etwa gezeigt? 


Ur-Angst Nummer drei: Gewitter! Morgens um 08.00 Uhr bei Regen und Donner den Wald zu betreten, kann ich nur jedem empfehlen, der spüren möchte, dass er lebt. Jedes kleinste Geräusch nimmt man wahr. Aber auch die Schönheit der Natur, die auch der Regen zur Geltung bringen kann. Oft habe ich kurz überlegt: Warte ich ab, soll ich mich nicht einfach wieder ins Bett legen, bis dass der Spuk vorbei ist? Und doch bin ich immer wieder aufgebrochen. 


Ur-Angst Nummer vier: wilde unberechenbare Hunde und anderes bedrohliches Getier! Es macht Sinn einen Pilgerstock bei sich zu führen. Vor allem wenn in der Frühstückskneipe am Morgen vor einem bissigen Hund in einem Aussiedlerhof gewarnt wird. Bellende nicht angeleinte Köter irgendwo in der Pampa sind der reine Horror für mich. Trotz weicher Knie machte ich mich auf Richtung Hound of Baskerville. Und tatsächlich jagte mir ein großer hässlicher Kläffer einen gehörigen Schrecken ein. Mit meinem Wanderstock hielt ich ihn auf Abstand. Es kostete mich einige Überwindung an ihm langsam vorbei zu gehen. 

Bussarde kreisten gelegentlich über meinem Kopf, was ich auch nicht so berauschend fand, da ich beim Joggen schon einmal heftig attackiert worden war. Ich blickte immer nervös in die Luft und checkte das Gelände nach einem nahen Versteck, wenn ich einen bedrohlich wirkenden Vogel wahrnahm. Alles ging gut. Alles Einbildung! 

Keine Unterkunft vorher gebucht zu haben,  war definitiv ein Fehler, aber auch äußerst spannend. Um 17.00 Uhr im Wald fing das Kribbeln an, ob man noch rechtzeitig einen komfortablen Schlafplatz finden würde. Evtl. hätte man nach 25 km weiter ins Nachbardorf aufbrechen müssen. Am unterhaltsamsten war das Elmsteiner Naturfreundehaus. Viele coole Leute durfte ich dort kennenlernen. Musiker, die sich dem Irish Folk verschrieben haben. Offenherzige gesellige Menschen. Es war so schön, dass ich spontan noch eine Nacht dran hing. 7 Jahre später sollte ich nochmal dort nach einem 33-Kilometer-Fußmarsch mit meiner Ehefrau absteigen. Wollte unbedingt mein großes Abenteuer ihr per direkter Anschauung näher bringen. Unterwegs sein, Leute kennen lernen,  das macht alles so leicht. Wenn ich etwas zu bereuen hätte, dann dass ich in meinen jungen Jahren nicht mutig und kreativ genug war, um ein Globetrotter zu sein. Ich wollte schon immer in die Haut von Forrest Gump schlüpfen. Einfach loslaufen und schauen, wo man hängen bleibt. Leider machen das meine Hühneraugen nicht mehr mit. Auch 2011 hatte ich Probleme mit den Füßen, nur lag das an meinem nicht eingelaufenen Schuhwerk. Höllenblasen. Wäre ich gläubig, würde ich sagen, dieses Brennen musste ich als Sünder eben ertragen. 

Ich kann es gar nicht in Worte fassen, als ich das Ortsschild Hornbach erblickte.  Mir „Honk“ war gar nicht klar, dass das Kloster gar kein Kloster war, sondern ein famoses Hotel mit blauer und grüner Suit. Ich aber nahm die preislich günstigste Bude: das Pilgerzimmer - für 150 Euro die Nacht. Scheiß drauf! Das war es wert!  Aus der Wellness-Oase wollte ich gar nicht mehr raus. Ein wunderbares Gefühl, das geschafft zu haben - alleine! Ein kleines Abenteuer, aber für mich war es, als ob ich den Mount Everest bestiegen hätte. Einige Jahre später dufte man das im Team nochmal erleben. Im Team mit meiner Frau. Als Paar war das auch ein ganz besonderes Erlebnis. Es ist eine gute Voraussetzung für eine intakte Beziehung, wenn man das Schweigen des anderen aushalten kann, und sich nie genötigt sieht, zwanghaft Konversation treiben müssen. Man kann sich auch im Schweigen ganz nah sein. Es gibt Menschen, die können nur ihren eigenen Rhythmus gehen, unfähig sich einem anderen Menschen anzupassen. Es war eins der vielen Puzzleteile, die mich sehr schnell sicher werden ließen, dass Nicole die Frau ist, mit der ich alt werden möchte: Wir haben einen ähnlichen Rythmus und können uns beide dem andern perfekt anpassen. 

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