Ein Buch, das ich gerade lese, beschäftigt sich mal wieder mit der Erklärung der Welt, die negativen Auswirkungen unserer täglichen Entscheidungen und was wir dagegen tun können. Keine sonderlichen neue Erkenntnisse, wenn man sich vorher schon intensiv mit dem Thema beschäftigt hat, aber in einem netten Schreibstil verpackt. Pressestimmen haben mich dazu veranlasst, es dann doch zu lesen.
»In seinem neuen Buch ›Mach mal halblang‹ verrät er, wie schwere Momente wieder leicht werden.«
»In seinem unterhaltsamen und bedenkenswerten Buch ›Mach mal halblang‹ ruft er dazu auf, mal einen Gang runterzuschalten.“
»Tolles Buch“
»Ein brillant erzähltes und sehr weises Buch, das jeden Leser ein Stückchen verändert.«
»Plädoyer fürs Menschsein«
Im Grunde ist das der zentrale Tipp des Autors Matt Haig an uns Menschen: Macht mal halblang - und das noch VOR der Pandemie. Wir zerstören uns und die Welt mit riesigen Schritten innerhalb der letzten 100 Jahren. Wenn man die 4,5 Milliarden Jahre Existenz der Erde dagegen hält, muss uns klar sein, wie gewaltig die Menschheit aus dem Ruder gelaufen ist.
Zu Beginn seines Buches stellt Haig die persönlichen Sonnen- und Schattenseiten des Internets dar. Vorgestern habe ich mich schon mit den digitalen Vorteilen für mein Leben befasst. Heute geht es darum: Was mich nervt und mir evtl. gar nicht gut tut.
Es ist auf jeden Fall ein schleichender Prozess, den man nicht immer so gleich mitbekommt und kaum steuern kann. Ja, ja, das berühmte „Ausschalten“ von Peter Lustig, ich weiß schon. Beim Fernsehen hat diese romantische Vorstellung, alles im Griff zu haben, vielleicht noch funktioniert. Beim Smartphone? Wann hattet ihr das Handy das letzte Mal ganz aus? Nur wenn der Strom alle ist, richtig? Mit den mobilen Ladegeräten (Nici und ich haben 3) passiert auch das nicht mehr. Es entsteht somit langsam aber sicher eine völlige Überfrachtung, ein zu viel von allem. Die große Auswahl an „Unterhaltung“ und die ständige Verfügbarkeit macht mich tatsächlich, wenn ich alles sehr selbstkritisch hinterfrage, extrem kirre. Jeden Tag muss ich Entscheidungen treffen, mit was ich mich jetzt beschallen lasse. Mein Alltag besteht quasi aus Entscheidungen und Beschallung im Wechsel. Dabei tut es so gut, mal keine Entscheidungen treffen zu müssen. Das tolle IPhone ist den ganzen Tag und die ganze Nacht bei mir, mit Kabel, ohne Kabel, auf dem Schoß, in der Jacke oder einfach nur so nebendran. Funktioniert das Netz nicht anständig, werde ich schon leicht piesig. Das Handy und dessen Dauerverbindung mit dem Internet löst das Gefühl bei mir aus, nie alleine zu sein. Ein Gefühl, dass ich gar nicht anstrebe. Ich müsste mich trainieren, mich auf das Wesentliche im Alltag zu konzentrieren, wie beim Yoga, ertappe mich aber dabei, wie ich ständig switsche, rauf und runter scrolle und oft genug nie bei einer Sache bleibe. Ich konfrontiere mein Hirn ständig mit neuem Input. Scheint mir etwas zu langweilig, hopp und weg! Gibt bestimmt interessantere Videos, Filme, Serien, Songs, CDs, Radiosendungen. Die Oberfläche siegt, der Tiefgang bleibt auf der Strecke. Obwohl ich behaupte, dass ich mich noch wacker schlage. Ich lese wenigstens tatsächlich das eine oder andere Buch oder höre eine CD vollständig zu Ende. Doch meist lasse ich mich von Handydingen ablenken. Eine geringe Dosis Ablenkung immer gut, aber eine Überdosis dann eben nicht mehr. Ich muss mich stets zu Sensibilität und Achtsamkeit zwingen. Jetzt kann man sagen, oh Schnur, mach dir doch nicht so viel den Kopp, lass es halt geschehen, ist schon nicht so schlimm, wenn’s Spaß macht. Tja, macht’s Spaß? Mein Hausarzt sagt: Alles was mit „zu“ beginnt, ist für den Menschen nicht gut. Zu viel - nicht gut! Zu wenig - nicht gut! Ist aber nicht vielleicht zu wenig doch besser als zu viel? Wenn man selbst merkt, man verliert die Kontrolle, die Macht, dann ist das etwas Ungutes. Es ist wie bei allen Süchten: Man weiß, dass es nicht in Ordnung ist, man tut es aber trotzdem. Man weiß, dass das Handy beim Essen, neben dem Bett, beim Chillen nichts zu suchen hat, und missachtet trotzdem jede Regel. Man ist Weltmeister im Austricksen des eigenen Verstandes. Warum guckt man ständig, ob der eigene Post angeschaut wird. Was ist das? Ein Defizit, eine Erkrankung? Warum ist einem wichtig, was gar nicht wichtig ist? Warum machen wir mit dem Handy so viele Bilder? Warum müssen wir alles festhalten und weitergeben? Warum reicht es uns nicht mehr, einfach für uns selbst zu sein, allein mit unseren Gedanken, allein mit dem was wir tun? Es gibt Studien, die besagen Facebook macht depressiv. Warum? Weil wir uns ständig vergleichen und unser Dasein miserabel finden? Oder weil wir unser Leben als so unfassbar toll bewerten, dass wir es jedem unter die Nase reiben müssen? Wie andere leben, ist mir im Normalfall wurscht. Neid war noch nie mein Problem, eher Ungerechtigkeiten. Und das Netz ist voll von kaum zu ertragenden Ungerechtigkeiten. Da muss man ja schlecht drauf kommen. Verrückt: In einer Zeit, in der wir alle vernetzt sind, werden die Menschen immer einsamer. In England haben sie ein Einsamkeits-Ministerium ins Leben gerufen. Wir haben von allem zu viel und doch nichts. Zumindest in der westlichen Welt. Die digitale Unterhaltung ist vergleichbar mit einem überfüllten Kühlschrank: vier verschiedene Joghurts, 6 verschiedene Aufstriche, 8 Käsesorten, Marmelade und Tofu satt. Nie wird etwas leer, weil wir ständig nachkaufen. Am Ende der Umwelt-Supergau: in den Müll damit! Panik vor Verfall!
Wir haben Apps, die wir nicht nutzen, aber laden trotzdem weitere Duzend aufs Handy. Hä, was ist denn das für eine App? Und bei den Apps, die wir regelmäßig verwenden, kennen wir gar nicht alle Funktionen, weil wir für das Studium keine Zeit haben.
Vor lauter Abos, verlieren wir den Überblick. Wie? Von wem wurden denn um Himmels Willen da 4.99 € abgebucht? Zu viel! Alles zu viel! Dabei habe ich schon so oft am eigenen Leib erfahren, wie mir das „Weniger“ gut tut. Auf Reisen ohne großes Equipment z. B. Ich lande bei einer Freundin in Barcelona und finde in ihrer Bibliothek eine beglückende Lektüre. Ganz ohne Handy. Ich gehe 180 Kilometer den Pfälzer Jakobsweg, alleine, ohne Navigationsapp und bin glücklich, weil ich meine Ängste bewältige. Nichts habe ich da gebraucht, außer einer Karte und ein paar Nüssen. Nach 25 km bei 35 Grad waren Bratkartoffeln mit Spiegelei und eine Apfelsaftschorle das Paradies auf Erden. Um 09.00 Uhr am Einstieg und um 20. 00 Uhr ins Bett. Dazwischen laufen, schauen und schwitzen. Hin und wieder interessante Gespräche mit wildfremden Menschen. Zufrieden! Nie wieder im Leben waren meine Sinne nochmal ähnlich geschärft wie in diesen 6 Tagen. Dann kehrt man zurück ins normale Leben und verliert Schritt um Schritt wiederholt die Kontrolle. Was ist das? Mit den unterschiedlichsten medialen Möglichkeiten, geht definitiv die Achtsamkeit verloren. Nur ein bisschen ändern, geht nicht mehr. Wenn, dann radikal, aber dafür fehlt der Mut: Hütte am Meer mit Schreibmaschine. Ich glaube, das könnte mir auf Jahre hin reichen, mir, dem Konsumpapst. Das liegt wohl an meinem Problemlösungs-Gen. Könnte ich mir keine neuen Bücher und Zeitschriften leisten, würde ich eben in die Bibliothek marschieren, was ich ja auch Jahrzehnte gemacht habe.
Je älter ich werde, desto mehr genieße ich die Ruhe. Ich schaffe es aber nicht für die wichtige innere Ruhe zu sorgen. Es ist eine falsche, vorgegaukelte Ruhe, die immer wieder durch Übersprungshandlungen, ein Gebrumme und Geklingel gestört wird. Doch ich bin neidisch! Neidisch auf die Menschen, die sich von dem digitalen Fortschritt nicht mitreißen lassen. Was du hast kein Facebook, kein WhatsApp? Wow! Respekt! Manchmal denke ich daran, alles zu löschen. Ich traue mich nicht. Ich habe Angst, dadurch meine Identität zu verlieren. Wie bei einem Hausbrand. Identität. Gutes Stichwort. Wir wohnen hier nicht nur zu Dritt: Nicole, Icke und ich. Nein, zu Viert. Alexa ist ja auch noch eingezogen. Ach Gott, haben wir anfangs gestaunt: Alexa mach das Licht an, Alexa wie wird heute das Wetter? Alexa erzähl mir ein Witz! Phänomenal. In den ersten Monaten noch etwas reserviert, wünscht sie einem mittlerweile einen guten Tag. Ist man einsam und ans Bett gefesselt, ist das alles noch stimmig, aber als intakter Mensch mit allen Sinnen doch eher befremdlich. Vor allem, wenn sie fehlgesteuert ist und nicht macht, was man ihr sagt. Dann knipst sie nach mehrmaliger Aufforderung das Licht eben nicht aus oder ein anderes an oder quatscht einfach dazwischen, wenn sich Erwachsene unterhalten. Spielt plötzlich aus heiterem Himmel Musik ab und erschrickt einen damit zu Tode. Wie viele unnötige Stunden hat Nici allein mit der De-Programmierung dieses frechen Luders zugebracht. Ein vernetztes Haus, von unterwegs alles steuern: Garage, Fensterläden, Saugroboter? Haben wir alles nicht. NOCH nicht!
Das Smartphone ist zu einem weiteren Körperteil mutiert. DIE revolutionäre Erfindung des 21. Jahrhunderts. Wenn wir 25 Jahre weiterdenken, was wird es da dann alles zusätzlich noch leisten können. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ein Avatar von mir auf dem Zifferblatt auf der Uhr zu sehen ist und mich angrinst. Maßregelt mich irgendwann eine Karikatur von mir selbst: Alex, du trinkst gerade dein 2. Achtel, das tötet 4, 8567 Millionen Hirnzellen. Ich glaube, dann schmeiß ich die Apple-Watch sofort aus dem Fenster.
Wie mit allen Dingen des täglichen Lebens: Es gibt meist zwei Seiten einer Medaille. Das Gute birgt auch oft die Gefahr in sich. Das Problem ist, das niemand das richtige Maß vorgibt. Wir uns dieses gesunde Maß selbst erschließen müssen. Vielleicht radikal in unserer Entscheidung sein müssen, prüfen, was wir nicht tun wollen und lassen müssen. Die Frage ist, können wir diese Entscheidung überhaupt noch treffen? Haben wir unsere Souveränität nicht bereits verloren? Wir, die mit 3 Fernsehprogrammen groß geworden sind. Wir, die einen Kassettenrekorder mit verheddertem Bandsalat besessen haben. Können wir überhaupt noch spüren, was das Richtige ist? Oder ist uns dieses Gespür nicht etwa schon unwiederbringlich abhanden gekommen? Und unsere Kinder? Was macht das alles mit einem Dreijährigen, der mit einer Wischbewegung das nächste Video zum Starten bringt? Der mit 7 ein Handy, Earphones, iPad und einen Smartfernsehen besitzt und nicht mehr außerhalb des Kinderzimmers gesehen wird. Was habe ich gelesen. In der Pandemie sind unsere Kinder fetter geworden. Psychische Verhaltensauffälligkeiten haben signifikant zugenommen. Wird dies besser werden, wenn die Pandemie besiegt ist? Ich habe da meine Zweifel.
Um selbst nicht ganz in die digitale Welt abzudriften, werde ich mir wohl die eine oder andere Auszeit auferlegen müssen. Stunden, ein Tag, eine Woche, ein Jahr? Ich weiß es noch nicht.
Was sagt Alexa als ich ihr offenbare, dass ich sie nicht mehr liebe: „Schade, aber ich weiß, menschliche Liebe kann man nicht erzwingen. Wenn du es dir irgendwann anders überlegst, werde ich mich darüber freuen!“
Und was erwidert sie auf die Frage: Wie werde ich glücklich? „Das gefällt mir gut!“
Dumme Nuss!

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